Ein neues Totschlag-Argument geht um. Sie treffen darauf in der Presse, aber auch im Gespräch mit Vertretern von Politik und Kirche. Die „nichtorganisierten Muslime“.

Irgendjemand ist anscheinend auf die Idee gekommen, dass muslimische Organisationen ja eigentlich „nur“ knapp zehn Prozent der Muslime vertreten könnten. Der ganze Rest wäre gar nicht organisiert. Deswegen wäre es falsch die muslimischen Organisationen als Ansprechpartner zu nehmen. Bedenkt man, dass diese „Feststellungen“ zum Teil von Menschen kommt, die vor ein paar Jahren noch darüber gejammert haben, dass sie keine muslimischen Ansprechpartner hätten, irritiert das den Ali-Normal-Muslim schon. Erst jammern, man bekomme niemanden zu Gesicht, jetzt hat man welche, aber deren Nase gefällt uns plötzlich nicht.

Ja aber wozu soll dieses Argument vom nichtorganisierten Muslim überhaupt dienen? Es bereitet demjenigen, der es gebraucht, einen unglaublichen Nutzen. Es gibt ihm die Möglichkeit, sich den Forderungen der Muslime zu verschließen, ohne seine „Offenheit“ zu verspielen.

Es ist verständlich, dass mit der weitergehenden Integration der Muslime in die deutsche Gesellschaft diese auf der einen Seite Pflichten und Aufgaben auf sich nehmen, auf der anderen Seite aber auch Forderungen stellen. Denn genauso wie die Migranten Nachahmungswertes in dieser Gesellschaft sehen, sehen sie auch Verbesserungsbedarf und gerade hier wollen sie mit ihren Ideen auch aushelfen. Sieht man als Mitglied der Mehrheitsgesellschaft in der Integration nur einen einseitigen Prozess, einen Prozess in dem die Minderheit gefälligst ihre bestehende Identität abzulegen und das ihr angebotene anzunehmen hat, kommen diese Forderungen und Ratschläge von der Minderheitenseite ungelegen. Wo soll denn an der Mehrheitsgesellschaft Verbesserungsbedarf herrschen? Diese ist doch über jeden Zweifel erhaben.

Gerade aus dieser Erhabenheit und Fehlerlosigkeit nimmt sie sich doch das Recht heraus die „Leitkultur“ vorzugeben. Und aus dieser Vorstellung wird dann von der Minderheit auch Integration in der Form von Assimilation gefordert. Was aber wenn diese sich nicht assimilieren will. Wenn sie zwar bereit ist sich zu integrieren, dieses aber nicht bloß als einen einseitigen Prozess sieht, in dem die eine Seite die Vorgaben macht, die andere diese befolgt. Wie soll man sich plötzlich verhalten, wenn die Minderheit das einfordert, womit man sich bisher gerühmt hat, den Zuwanderern aber nicht unbedingt zugetraut hat: gesellschaftlicher Diskurs, Gleichberechtigung, Religionsfreiheit, Schutz vor Diskriminierung und Demokratie für alle. Schlagwörter die man sich selbst zwar auf die Fahnen schreibt, aber ungern aus dem Munde der Minderheit hört. Es bleibt dann nichts anderes übrig, als die Vertreter, die sich aus der Mitte dieser Minderheit gebildet haben zu diskreditieren und ihnen die Funktion der Vertretung abzusprechen. Und nichts anderes soll mit dem Argument der „nichtorganisierten Muslime“ erreicht werden.

Woher kommt man eigentlich auf diesen Wert, zehn Prozent. Führt man sich nur einmal die Gruppe der Türken vor Auge wärde diese Zahl gerade einmal 200.000 bedeuten. Bedenkt man das es an die 2000 Moscheen in Deutschland gibt, unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zu einem Dachverband, und diese wiederum im Durchschnitt jeweils 100 Familien als Mitglieder haben, sind sie zwar auch bei 200.000, aber bei 200.000 Familien. Bei vier bis fünf durchschnittlichen Familienmitgliedern kommt man relativ leicht an eine Million organisierter Muslime.

Abgesehen von diesen Zahlen, schneidet man sich mit solch einem Argument in einer repräsentativen Demokratie ins eigene Fleisch, besonders wenn dieses Argument von Parteipolitikern kommt. Wie viel Prozent der Bevölkerung repräsentieren eigentlich die Parteien. Klar von ihren Aufgaben und den meisten Funktionen her sind die muslimischen Organisationen nicht mit den Parteien vergleichbar, aber zumindest in ihrer Funktion als Interessenvertretung kann man diesen Vergleich wagen.

Zählt man die Mitgliederzahlen aller Parteien in Deutschland zusammen kommt man nicht einmal auf zwei Millionen Mitglieder. In Prozenten ausgedrückt wären das keine zweieinhalb Prozent der Bevölkerung. Wer käme aber auf die Idee, den Parteien ihre Funktion als Interessenvertretung für das Volk abzusprechen, nur weil über neunzig Prozent der Bevölkerung nicht in den Parteien organisiert sind.

Warum gibt es dann eigentlich überhaupt „nichtorganisierte Muslime“. Wahrscheinlich aus demselben Grund, aus dem nicht jeder in Deutschland Parteimitglied ist. Dies kann sein: Desinteresse, Gleichgültigkeit aber auch das Bedürfnis etwas zu unterstützen ohne sich fest zu binden. Gerade bei den Moscheevereinen werden deren Dienste nicht nur von ihren zahlenden Mitgliedern beansprucht. Oft ist sogar die Anzahl derer, die in den Genuss der Leistungen eines Moscheevereins kommen(Gebete, Bildungs- und Freizeitangebote) kommen ohne Mitglied zu sein bei weitem größer als derer, die diese als Mitglied beanspruchen. Und auch Nicht-Mitglieder treten an die Gemeinden heran, wenn sie Probleme haben oder Rat suchen. Was natürlich nicht vergessen werden darf, die Vereinigungsfreiheit beinhaltet auch den Aspekt, sich nicht binden oder vereinigen zu müssen. Manche Menschen wollen ganz einfach von diesem Recht Gebrauch machen.

Das Vertrauen in den Integrationswillen der Mehrheitsgesellschaft wird durch das Hinausdrängen der muslimischen Organisationen nicht gerade gestärkt. Man wollte Ansprechpartner, die man nun auch hat. Deshalb gilt die Devise: Nehmt was ihr bekommen könnt.

Mit dem Argument, dass es den muslimischen Organisationen an Vertretungsberechtigung fehlt, werden die Nichtorganisierten sicher nicht zum Sich-Organisieren gedrängt. So können aber sehr leicht gerade die Leute verprellt werden, die ein Interesse an der Integration und an dem Dialog haben und sich dafür auch zur Verfügung stellen.

Kein Politiker kann sich die Zeit nehmen, jeden Migranten um seine Meinung zu fragen. Auch bestehen in der „alten“ deutschen Gesellschaft kaum Institutionen, die die Interessen der Migranten vertreten könnten. Für eine Zusammenarbeit, aber auch schon für das gegenseitige Kennenlernen bedarf es qualifizierter Vertreter auf beiden Seiten. Dabei ist es von wesentlicher Bedeutung, dass jede Seite ihre Vertreter selbst wählt. Die Muslime haben sich in einer für Deutschland vielleicht einmaligen Entwicklung diese Organisationen als ihre eigene Interessenvertretung entschieden. Es liegt nun an den Vertretern der Mehrheitsgesellschaft mit diesen zusammenzuarbeiten.

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