Wozu Dialog, wenn nur eine Seite spricht, die andere aber nicht zuhört – Muslime sind von christlichen Kirchen enttäuscht

Die christlichen Kirchen in Frankreich sprachen sich diese Woche gegen ein Kopftuch-Verbot aus. Auch hatten sich davor schon die jüdischen Gemeinden gegen ein Verbot gestellt. Eine Unterstützung solcher Art, konnten die Muslime in Deutschland von den hiesigen christlichen und jüdischen Vertretern nicht erfahren. Oder wie sollten Muslime Äußerungen des EKD-Ratspräsidenten Huber deuten, der an der Eignung von Frauen für den öffentlichen Dienst oder den Lehrberuf zweifelt, nur weil diese ein Kopftuch tragen. Oder die Beurteilung Kardinal Meißners, der „politische“ Kopftücher zwar als nicht hinnehmbar bezeichnet, als rein religiöses Symbol jedoch akzeptieren will. Dann ist da natürlich die Frage, wer denn nun entscheiden soll, ob das Kopftuch auf dem Kopf ein „politisches“ oder ein religiöses ist. Wieso sind Kopftücher plötzlich alle politisch?

Als letzter Protagonist gesellte sich nun auch der Regensburger Bischof Gerhard Müller in diese Reihe. In einer Bewertung des anstehenden Gesetzes in Bayern bezeichnete er diesen als „angemessene Änderung“. „Die Ordenstracht der Schwestern sowie die priesterliche Kleidung sind nicht Demonstration der eigenen Religion, sondern vielmehr Ausdruck dafür, dass Ordensleute und Priester ihr Leben aus der Nachfolge Christi für den Dienst am Menschen in den verschiedensten Segmenten der Gesellschaft einsetzen. Insofern ist eine Parallelisierung mit dem Kopftuch muslimischer Mitbürgerinnen nicht möglich“, so der Bischof. Doch wer sagt denn, dass das Kopftuch nur eine Demonstration des eigenen Glaubens ist. Dass es auch solch eine Wirkung hat, ist nicht zu bestreiten, doch auch die Ordenstracht hat solch eine Wirkung nach außen. Oder würden sie, Herr Bischof, die Trägerin einer Ordenstracht als Muslim oder Juden erkennen. Aber wieso kommt niemand auf die Idee, die muslimische Frau danach zu fragen, was denn das Kopftuch für sie bedeutet. Dabei wird ein viel tiefsinnigerer Grund herauskommen, als nur die reine Demonstration der Religion, ja, ich wage sogar zu sagen, einen tiefsinnigeren Grund, als ihn der Herr Bischoff der Ordenstracht zuspricht.

Es erstaunt, dass die Kirchenoberen bei einem solch entscheidenden Thema so eine Ignoranz zeigen. Es sind heute vielleicht nur die Muslime, die als Minderheit ihre Symbole einbüßen, doch wie lange können sich die Kirchen in einer Gesellschaft, die sich immer mehr von der Religion entfernt, in diesem öffentlichen Raum halten, aus dem sie den Islam heraushalten wollen. Was passiert, wenn die meisten Deutschen sich nicht mehr einer Religion oder einer Kirche zugehörig fühlen. Was passiert an dem Tag, an dem es heißt, die Säkularität verbiete es, dass der Staat Kirchensteuer einziehe, an den Schulen Religionsunterricht zulasse, oder gar Religionsgemeinschaften und Kirchen privilegiere. Wohl wahr, ein Horrorszenario, aber angesichts der Entwicklung der letzten Jahre keine Unmöglichkeit, nein sogar eher Wahrscheinlichkeit. Es geht im Kopftuch-Streit nicht mehr darum, den Islam aus dem öffentlichen Raum zu drängen, sondern die Religiosität an sich. Der Beschwerdeführer der zu dem Kruzifix-Urteil geführt hat, wird in naher Zukunft nicht alleine bleiben.

Manche Kirchenvertreter meinen wohl mit ihrer Haltung im Kopftuchstreit, sich einen lästigen und ungeliebten „Konkurrenten“ vom Hals zu halten, doch eher schneiden sie sich ins eigene Fleisch und legen mit Hand an die Axt, die auch auf ihren Stamm einschlägt. Spätestens wenn die Generation der Kirchenaustreter im Lande das Sagen hat, wird die „neue Säkularisierung“ oder, wie man sie besser nennen sollte, der „französische Kampflaizismus“ nicht spurlos an den Kirchen vorbeiziehen. Die Christen in Frankreich haben mit ihrer Aktion in dieser Hinsicht wesentlich mehr Weitsicht bewiesen.

Es enttäuscht aber auch die passive Haltung der jüdischen Gemeinden im Land. Gerade von ihnen, die in diesem Land soviel erleiden mussten, sollte man mehr Hellhörigkeit gegen Diskriminierungen aller Art erwarten.

Für uns als Muslime stellt sich aber auch an diesem Punkt noch einmal die Frage über den Sinn und Unsinn des expliziten Dialogs mit den Kirchen. Was hat er eigentlich gebracht, wenn man selbst jahrelangen Dialogpartnern nicht Sinn und Zweck, aber auch die Bedeutung von eigenen religiösen Symbolen verständlich machen konnte. Was haben wir als Muslime falsch gemacht, dass unsere Dialogpartner immer noch dort stehen, wo sie auch am Anfang standen. Konnten wir unsere Position nicht verständlich machen oder wollte man uns nicht verstehen. Dem Aufruf, der in letzter Zeit immer wieder aus Kirchenkreisen gekommen ist, den „Dialog“, so wie er bisher geführt wurde, zu überdenken, kann nur zugestimmt werden. Als erstes sollte die eigene Ernsthaftigkeit, aber auch die eigene Glaubwürdigkeit überdacht werden. Dann kann man auch von der „Gegenseite“ etwas einfordern.

Es geht hier nicht darum, dass wir von den Kirchen eine kritiklose Unterstützung fordern. Aber es ist für einen langjährigen Teilnehmer des christlich-islamischen Dialogs eine deprimierende Erfahrung, dass die langjährigen Gesprächspartner mit den gleichen Argumenten und Vorurteilen aufwarten, wie wir sie oft genug von populistischen Politikern zu hören bekommen. Hat man denn die Muslime mit denen man jahrelang am selben Tisch saß, nicht ernst genommen. Gerade das Thema „Frauen und Islam“ gehört mit zu den Themen, die in solchen Kreisen am häufigsten behandelt wurden. Wieso also immer noch die alten Vorurteile, die alten Falschkenntnisse. Wurde uns denn nicht einmal zugehört?

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