Über Unterdrückungen und politische Symbole – Wenn die Befreier zu Unterdrückern werden

Es gibt im türkischen ein Sprichwort, auf Deutsch müsste es ungefähr lauten: „Nenne einen klugen Menschen vierzig Tage einen Idioten und er wird ein Idiot.“ Über die „political correctness“ eines solchen Sprichworts wollen wir gar nicht streiten, aber mir scheint, das sehr viele Medienvertreter und Politiker nun seit Wochen immer wieder mit ein und denselben Argumenten, die kaum einer ernsthaften Überprüfung standhalten können, unbewusst dem Geiste dieses Sprichworts nacheifern. Das Kopftuch sei eine Unterdrückung der muslimischen Frau, das Kopftuch sei eine Unterdrückung der muslimischen Frau, das Kopftuch sei eine Unterdrückung der muslimischen Frau. Immer wieder die selbe Litanei, der selbe Akkord, der stupide abgespielt wird, fast so als wolle man es mit brachialer Gewalt in die Köpfe der Menschen einhämmern. Wie oft muss man etwas Falsches eigentlich wiederholen, damit es schon auf Grund von Gewöhnung zu einer Tatsache mutiert.


Aber einen Funken Wahrheit hat diese Aussage schon, so weh es auch tut. Über das Kopftuch werden muslimische Frauen in Deutschland unterdrückt. Sie werden als Fundamentalisten beschimpft, ihnen werden Berufsverbote aufgedrückt. Warum? Nur weil sie ein Kopftuch tragen, ein Gebot ihres Glaubens, ihrer Religion befolgen. Ja, Frauen mit Kopftuch werden in Deutschland unterdrückt, aber Täter sind die vermeintlichen Befreier, nicht die Muslime.

Eine weitere These, der letzten Zeit: Das Kopftuch ist anders als das Kreuz, als die Kutte, als die Kippa. Die letzteren wären religiöse Symbole, das erste aber ein politisches. Herr Thierse ist darauf gekommen, EKD-Präsident Huber ist ja schon längst dieser Meinung, Kardinäle und Bischöfe sehen sich auch gemüßigt, sich von Zeit zu Zeit in dieser Richtung zu äußern. Dass Stoiber auch dieser Ansicht ist, ist ja kaum noch erwähnenswert. Immer wieder wird diese These wiederholt, immer wieder, ohne Argumente, einfach in den Äther hinausgerufen, oft, und damit eindringlich. Zweifellos ist das Kopftuch anders als das Kreuz, aber auch die Kippa ist anders als die Kutte. Jedes dieser Utensilien hat seine eigene Begründung, seine eigene Bedeutung und ist somit verschieden. Doch was gleich ist, ist dass Kopftuch, Kreuz und Kippa für die jeweiligen Gläubigen eine religiöse Bedeutung haben. Was auch unzweifelhaft ist, ist dass ALLE auch zu politischen Zwecken missbraucht werden können.

Da brauchen sich die Herren Bischöfe und Kardinäle gar nicht zu rühmen, wie unpolitisch das Kreuz doch ist, gerade wenn der oberste Vorgesetzte auch noch ein weltliches Amt inne hat. Aber bezüglich des Kreuzes kommen dem Muslim auch andere Bilder vor die Augen. Man fragt sich, warum denn nun die Kreuzzüge gerade Kreuzzüge hießen. Dass der Begriff nicht einfach nur Geschichte ist, beweißt nicht zuletzt Bushs Versprecher über den „crusade“ den er anstrebt. Oder wie unpolitisch wird das Kreuz von amerikanischen Protestanten verwendet Herr Huber. Auch unverhohlene Hetze lässt sich damit betreiben, siehe Christliche Mitte in Deutschland. Wieso verwendet der Ku-Klux-Klan für seine „Zeremonien“ ein brennendes Kreuz, hat dies wirklich nichts mit dem christlichen Kreuz zu tun. Es steht mir als Muslim nicht zu, eine Bewertung darüber abzugeben, wie religiös oder apolitisch das Kreuz ist, doch woher nehmen sich die christlichen Vertreter das Recht islamische Symbole, die schließlich auch nur von Muslimen als religiös oder nicht religiös bewertet werden können, als rein politisch einzustufen.

Ganz anders die Reaktion von jüdischer Seite. Paul Spiegel bringt es in einem Interview mit der „Jüdischen Allgemeine“ auf den Punkt: „Die Frage, ob das Kopftuch ein religiöses Symbol ist, ähnlich dem Kruzifix oder der Kippa, ist aber nicht abschließend diskutiert und beantwortet worden.“ Und das ist auch Stand der Dinge. Weiter sagt Spiegel: „Als fragwürdig empfinde ich es, dass mit dieser neuerlichen Betonung des jüdisch-christlichen Erbes offenbar eine Koalition gegen den Islam beschworen werden soll, die es so nicht gibt.“ Die Herren Kirchenoberen wissen gar nicht worüber sie sprechen. Es macht mehr den Eindruck, als hätten sie es darauf angesetzt, den Islam und die Muslime zu stigmatisieren, um dann selbst als die guten Buben dazustehen. Dabei wird auch nicht davor zurückgeschreckt, einseitig die jüdische Gemeinde für sich zu vereinnahmen. Eine Rechnung die sicher nicht aufgehen wird, gerade wenn ihr Verhalten mit dazu beiträgt, dass religiöse Symbole immer mehr aus dem gesellschaftlichen Leben zurückgedrängt werden. Heute sind die Muslime die Betroffenen, aber wer sagt, dass es mit ihnen aufhören wird?

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