Die ganze Aufregung um die koranisch begründete Ablehnung einer Scheidung durch eine Frankfurter Richterin scheint langsam abzuklingen, die Fakten um den Fall dringen aber erst so langsam an das Tageslicht. Den millionenfachen BILD-Leser werden diese jedoch sicherlich nicht erreichen.

Interessant an dem Urteil ist, dass es gar kein Urteil ist. Die Scheidung der Frau wurde gerade nicht abgelehnt, das Scheidungsverfahren lief bereits, die Dame wollte nur in dem obligatorischen Trennungsjahr früher geschieden werden. Da dazu eine Beweisaufnahme nötig gewesen wäre, hat sie für diesen einen Prozesskostenhilfe-Antrag gestellt, der mit besagter Begründung abgelehnt worden ist. Dies macht die Begründung zwar nicht besser, rückt aber sicherlich die mediale und politische Aufregung in ein anderes Licht. Es waren demnach nicht die schlimmen „Islamisten“, die für diese Entscheidung gesorgt haben, sondern einfach eine Richterin, die sich in einem Verfahren, das in einigen Monaten sowieso mit der Scheidung geendet hätte, nicht noch mehr Arbeit machen wollte. Heribert Prantl hat den Fall in der Sueddeutschen noch einmal treffend wiedergegeben:

Schon die Rechtsansicht der Richterin war falsch; und der Koran hatte in ihrem Verfahren nichts zu suchen. Aber noch viel falscher ist ein Teil der Berichterstattung über den Fall: Die Richterin hat kein Urteil gefällt. Und sie hat mitnichten geduldet, dass der marokkanische Ehemann seine Frau prügelt. Sie hat auch nicht ein eheliches Züchtigungsrecht gebilligt. Das ist alles Unsinn. Das Gericht hatte den prügelnden Ehemann der scheidungswilligen Frau schon im Juni 2006 aufgrund des Gewaltschutzgesetzes aus der Ehewohnung verbannt; es untersagte dem Mann, sich der Wohnung weiter als fünfzig Meter zu nähern.Es geht in dem „Skandalfall“ darum, ob es nun der Frau zumutbar ist, mit der Scheidung noch die wenigen Monate zuzuwarten, bis das nach dem Gesetz obligatorische Trennungsjahr abläuft.Die Richterin hatte (im Rahmen des Antrags der Frau auf Prozesskostenhilfe für die Scheidung) die Ansicht vertreten, dies sei zumutbar – das allerdings mit dem törichten Hinweis darauf, dass die Eheleute aus einem anderen Kulturkreis stammten und es im Koran nun einmal ein Züchtigungsrecht gebe.

Nun stellt sich mir die Frage, wie man nur aus solch einer Fallkonstellation zu der Berichterstattung der letzten Tage kommt. Man muss als Muslim garnicht einmal selbst negativ auffallen. Es werden sich wohl immer irgendwelchen Anlässe bieten, um wieder ohne eigenes Zutun negative Schlagzeilen zu bekommen, und zB zusammen mit der Frankfurter Richterin in Verantwortung genommen zu werden.

7 Gedanken zu „Entscheidung auf der Basis des Korans, oder doch nur zu wenig Zeit gehabt

  1. Danke für die Ausführungen. Man würde sich im Journalismus an vielen Stellen präzisere Nachforschungen wünschen und nicht nur Menschen, die von einer großen deutschen Boulevardzeitung abschreiben…

  2. @kawazu,

    manchmal taugen auch nachforschende Journalisten nicht unbedingt zur Aufklärung, besonders wenn sie die Sache mit dem „hermeneutischen Vorurteil“ irgendwie falsch verstanden haben. Ich habe auch schon Journalisten erlebt, die bei einer öffentlichen Veranstaltung in dem Festsaal einer Stadt (der Saal gehörte der Stadtverwaltung) die Frage gestellt haben, ob es denn eine besondere Bedeutung hätte, dass der Saal grün (Bestuhlung, Teppiche, usw) ist. Wohlgemerkt, der Saal gehörte der Stadt und empfing seine Gäste wohl schon seit Jahren in Grüntönen. Das darf man dann wohl nach Spiegel-Manier auch unter „Mekka Deutschland“ subsumieren. Traurig, aber wahr.

  3. @Kathrin,

    ja diese Frage stelle ich mir in der letzten Zeit auch immer häufiger. Angst vor etwas Unbekanntem und die Unfähigkeit, damit umgehen zu können, müssen zu Unglaublichem im menschlichen Geist führen. Anders kann man sich das nicht erklären.

    Wesselam

    Abdulgani

  4. Bismillah ir-rachman ir-rachiem!

    Theorie ist Theorie. Praxis ist Praxis. Worte sind Worte. Aber die Absichten des Herzen machen den
    Unterschied beim Sprechen aus – dann ist ein Wort eben mehr als ein Wort, es ist ein Weg, ein Pfad.
    Bei den ganzen Abgrenzungs- und Integrationsdebatten ist es von Zeit zu Zeit ganz wichtig, innezuhalten
    und sich auf das Wesentliche zu besinnen:
    Unterschiede existieren nur im eigenen Geist und die Wirklichkeit ist oft schwer zu erkennen. Ist das Herz
    verschlossen, sieht alles wie ein Problem aus. Alle müssen sich bewegen, es gibt keine unveränderlichen
    Positionen. Das ist die Kunst des Dialogs und der Weg der Verständigung. Wahrheiten werden nicht
    verfälscht, auch nicht ignoriert oder verändert. Sie werden auf einer gemeinsamen, höheren Ebene integriert.
    Nur so wächst eine multikulturelle Gesellschaft zusammen und hat eine gemeinsame, friedliche Zukunft.
    Das hat selbstverständlich mit Bildung zu tun. Wer stellt das in Frage?

    Vielleicht ist es eine gute Brücke zwischen all der Verschiedenheit, sich auf die jahrtausende alte Tradition
    der Gastfreundschaft zwischen Menschen zu besinnen und die eigene Haltung dazu zu prüfen.
    Dann kann man bewußt sagen: ich bin gastfreund, denn das hat Konsequenzen.

    http://www.ich-bin-gastfreund.de

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