Integration sagen, aber Assimilation meinen

Recep Tayyip Erdogan KölnArenaAm Sonntag fand in Köln ein Treffen des türkischen Ministerpräsidenten mit den Auslandstürken in Deutschland statt. Schon diese Veranstaltung sorgte in der deutschen Öffentlichkeit für Irritation. Doch der Feuersturm der Empörung entbrannte an einer Äußerung Erdogans während seines Auftritts: Integrieren sollten sich die türkischstämmigen Migranten, aber nicht assimilieren. Assimilation sei ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“.

Diese Worte hatten Wirkung, besonders bei Unionspolitikern aus dem Süden. Der bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU), warf dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan „nationalistische Töne“ vor. Die ablehnende Haltung des Ministerpräsidenten zur Assimilation, sei „höchst unerfreulich“ gewesen. Der CSU-Vorsitzende Erwin Huber stellt gar den EU-Beitritt der Türkei in Frage, weil er in Erdogans Rede antieuropäische Töne vernommen haben will. Der Ex-CSU-Generalsekretär spricht sogar den Verdacht aus, Erdogan wolle eine türkische Partei in Deutschland gründen.

Dabei verwundert die Aufregung dieser Politiker. Haben diese denn seit Jahren nicht immer wieder beteuert, dass es nicht Assimilation ist, was sie verlangen, sondern Integration. Zu nichts anderem hat Erdogan aufgerufen, zur Integration in die deutsche Gesellschaft, zum Erlernen der Sprache, zur Partizipation am gesellschaftlichen Leben. Er hat die Integration der türkischstämmigen Menschen in Deutschland gefordert, ihre Assimilation aber abgelehnt. Punkt. Worüber muss man sich bei diesen Aussagen aufregen?

Die Aufregung macht eins deutlich, nämlich dass einige führende Politiker jahrelang Integration gepredigt aber Assimilation gemeint haben. Was sonst sollte man darunter verstehen, wenn Unionspolitiker Integration als „Anpassung im höchsten Maße“ definieren oder ein Innenminister Schily die Assimilation als beste Form der Integration lobt. Gerade die jetzige Aufregung entlarvt manch einen, der den Grund für die vermeintlich gescheiterte Integration immer wieder bei den Migranten suchte. Wen wundert es, dass die Migranten nie ihre Erwartungen erfüllen konnten, war doch das was sie sagten und das was sie meinten, demnach völlig verschieden.

Gerade diese Haltung führt bei den Migranten hier in Deutschland zur Frustration. Frust, weil sich immer mehr der Eindruck erhärtet, egal was sie tun, ob sie die Sprache lernen, eine gute Ausbildung machen, die Staatsbürgerschaft annehmen, sich zu diesem Land zugehörig fühlen – solange sie ihre Geschichte, Kultur und Sprache nicht völlig aufgeben, wird es nie genug sein. Frust, weil immer noch gewichtige Namen in Politik und Gesellschaft keine Absicht zeigen, Menschen mit Migrationshintergrund als die ihren zu akzeptieren. Da hilft es auch nicht, wenn Frau Merkel nun – durch den umarmenden Auftritt Erdogans unter Druck geraten – erklärt, auch die Kanzlerin der türkischstämmigen Menschen in Deutschland zu sein.

Die Aussage ist zwar richtig, nur hätten sich viele Migranten solch ein offenes Bekenntnis früher gewünscht. Viel Frust und Irritation wäre erst gar nicht aufgetreten, hätte sie sich dieses Anspruchs auch während des Hessen-Wahlkampfs erinnert. Viel glaubwürdiger wäre sie, wenn Unionspolitiker nicht bei jeder Gelegenheit die Ausweisung dieser Menschen, deren Kanzlerin sie ist, fordern würden.

Der Begriff der Integration hat seine positive Ausstrahlkraft verloren, spätestens dann, als er zu einer Hürde wurde, als er anfing auszugrenzen, statt zu integrieren. Er ist verbraucht, seit dem er von denen missbraucht wird, die Integration sagen, aber Assimilation meinen. Er wurde seines Inhalts beraubt, als Integration zur Einbahnstraße geworden ist, als ein Synonym für das Fordern ohne das Fördern. Er wurde dem Hohn Preis gegeben, als er nur den Blick auf die Bringschuld des „Anderen“ lenkte, aber den Blick auf die „eigenen“ Aufgaben verdeckte.

Die Politik muss sich endlich klar werden, dass eine Assimilationspolitik nicht dadurch besser wird, indem man sie in Integrationspolitik umtauft. Eine wirkliche Integrationspolitik kann nur funktionieren, wenn sie Menschen mit Migrationshintergrund die uneingeschränkte Partizipation am gesellschaftlichen Leben in Deutschland, mit all seinen Facetten ermöglicht. Dazu bedarf es aber zuerst aufrichtiger Ehrlichkeit, die sich darin zeigt, dass man sich von altem Assimilationsdenken verabschiedet.

6 Replies to “Integration sagen, aber Assimilation meinen”

  1. Lieber Abdulgani,
    danke für die interessante Homepage. Ich bin zufällig hier „hereingestolpert“ und muss sagen, es ist auch mal sehr schön, Meinungen zu lesen und nicht nur professionell-medientaugliche Berichte.
    Du fragst in deinem Artikel, worüber man sich bezüglich der Aussage Integration/Assimilation aufregen muss. Aus meiner Sicht gibt es mehrere Gründe für die Aufregung:
    1. Die Warnung als solche, die Formulierung (niemand kann von euch verlangen) kommt bei den Menschen hier so an, als wäre es eine Unterstellung, dass Assimilierung hier verlangt würde. Dies empfindet aber in der Bevölkerung und in der Politik keiner/kaum einer so.
    2. Die Formulierung, Assimilierung sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Da Assimilierung nicht verlangt und erst recht nicht erzwungen wird, klingt diese Formulierung erneut wie eine Unterstellung (die Deutschen zwingen die Türkischstämmigen zur Assimilation) oder wie eine Anklage gegen „abtrünnige“ Landsleute (IHR begeht ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ihr habt euch assimiliert). Aus meiner Sicht steht seitens einiger Politiker zurecht die Aussage und Frage im Raum: Wenn sich ein Zuwanderer hier aus freier Überzeugung ohne Zwang assimiliert, wo soll das Verbrechen sein?
    3. Die Wortauffassung: keiner verlangt Assimilation, aber das Wort heißt in seiner Bedeutung erst einmal „Angleichung“ und wird von der deutschen Bevölkerung überwiegend nicht als Gleichmachen oder Aufgeben von Sprache und Kultur und Religion oder Vergessen der Herkunft verstanden, sondern als sich identifizieren mit den Werten des Landes (die m.E. in den Islam so gut passen wie in das Christentum). Angleichen ist nicht gleich werden.
    4. Die Erfahrungswerte: Einwanderer assimilieren sich im Laufe der Zeit (über Generationen) automatisch. In Deutschland gibt es wohl keinen, der im Laufe der langen Geschichte keinen einzigen zugewanderten Vorfahren hat. Dies lässt sich nur verhindern, wenn man „unter sich“ bleibt (Separation – was wiederum auch nicht zur Integration passt) und ggf. Ehepartner aus dem Herkunftsland der Eltern oder Großeltern „importiert“.

    Ich will nicht behaupten, dass jeder das alles denkt, es war nur mal ein Gedankengang, den ich dir nicht vorenthalten wollte. Der Hauptpunkt ist wohl, dass die meisten die Aussage als Unterstellung gesehen haben. Denn warum muss ich jemandem sagen, niemand kann das von dir verlangen, das ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wenn das tatsächlich nicht verlangt wird. Warum solltest du zu mir sagen: „Niemand kann verlangen, dass du dir einen Omnibus kaufst!“ Das tut man doch nicht ohne Anlass.

    Viele Grüße
    Dan

  2. Hallo Dan,

    die Aussage Erdogans muss zum einen aus dem türkischsprachigen Kontext heraus betrachtet werden. Im Türkischen hat die Bewertung „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ einen ganz anderen Wert als im Deutschen. So ist es in der Türkei eher Alltag, unliebsames als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ zu verurteilen. Wenn zB eine Gewerkschaft bei Tarifverhandlungen die von der Arbeitgeberseite angebotene Lohnerhöhung nicht akzeptieren will, wird sie dieses als erstes als ein „Verbrechen an der Menschlichkeit“ (insanlik sucu) oder eine „Schmach der Menschlichkeit“ (insanlik aybi) schimpfen. Hätten also Journalisten und manch Politiker nicht eine eins zu eins sondern eine sinngemäße Übersetzung herangezogen, hätte es wohl keiner Aufregung gebraucht.

    Nicht desto trotz finde ich aber gerade diese Aufregung als entlarvend. Gerade wenn ich mir die Diskussionen im Rahmen des Integrationsgipfels oder der Islamkonferenz ansehe, verfolge, was gerade von Unionsseite immer wieder als Integrationsleistung gefordert wird, kommt bei mir immer wieder Zweifel darüber auf, dass es den Akteuren wirklich um die Integration geht.

    Wenn ich dann auch noch daran denke, dass selbst ich in manch prominenter Runde danach gefragt werde, was ich noch für meine Integration zu tun gedenke, fällt es mir schwer, auch Integration zu hören, wenn Integration gesagt wird. Dieser Beitrag ist auch aus diesen Zweifeln heraus entstanden. Deine Ausführungen waren mir insoweit nicht unbekannt.

    MfG

    Abdulgani

  3. Das meiste an Antworten darauf habe ich in meinem Blog unter Fragestunde 2 hinterlegt. Kann man da nachlesen und möchte ich daher auch nicht wiederholen. Trotzdem noch ein paar Ergänzungen:

    1) Nach Erdogans Rede muss dringend mal die Frage gestellt werden: soll Deutschland nur Gastland sein, oder soll Deutschland neue Heimat werden? Erdogans Rede bringt ziemlich deutlich „Gastland“ rüber, Integration meint aber ebenso deutlich „neue Heimat“. Wenn dies bei dieser Differenzierung bleibt, können wir Schluss machen, denn dann ist ein langfristiges Miteinander wegen fehlenden Interesses einer Partei – und ausgerechnet der dazugekommenen – nicht möglich. Also bitte mal eine klare Aussage dazu!

    2) Ohne eine gewisse Anpassung geht es nicht. Wenn ein Deutscher in die Türkei zieht, wird er sich dort auch anpassen müssen und beispielsweise seine Frau nicht in termperaturangepassten Hotpants zum Einkaufen schicken, sondern auf die Gebräuche des anderen Landes Rücksicht nehmen müssen. Zu was sind denn die hiesigen türkischen und andere Zuwanderer bereits? Heisst „eigene Kultur“ die komplette, auch optische Abkapselung? Wenn ja, kommen wir auch hier nicht weiter.

    3) Wie sieht es denn mit der Akzeptanz unserer Lebensweise aus? So lange beispielsweise Mädchen, die sich nach hiesiger Sitte kleiden, grundsätzlich als Nutten angesehen werden, stecken wir fest. Werden unsere Gesetze und Weltanschauungen akzeptiert? Leider hat man allzuoft nicht das Gefühl.

    Auf einen Nenner gebracht: es wird immer nur von den Deutschen gefordert, zu geben, was diese, wenn ihr mal ehrlich seid, auch in nicht geringem Umfang tun. Es wird nie gefragt, wie sich denn der Geber fühlt und was er als Gegenleistung erwarten darf. Wenn nichts zurückkommt, außer Forderungen, verhärtet sich das Ganze, und das ist z.Z. zu beobachten. Der Frust auf deutscher Seite (nach erfolgreicher Integration einer ganzen Reihe europäischer und asiatischer Neubürger) ist mindestens so groß wie der (angebliche?) auf türkisch/arabischer! Also entscheidet euch mal, was ihr sein wollt, neue Kumpels, Gäste oder Besetzer, und verhaltet euch danach.

  4. @ Gilbert,

    zu 1) Ich würde mich wundern, wenn sich Erdogan anders verhalten hätte. Letzendlich ist er Ministerpräsident eines anderen Landes, wieso sollte er sich um die Integration „seiner“ (aus seiner Perspektive) in ein anderes Land kümmern. Dass er dies dennoch positiv artikuliert, muss wohl als entgegenkommen aufgefasst werden. Oder wie würdest Du es betrachten, wenn Frau Merkel aufhören würde, sich um Aussiedler zu kümmern. Es ist doch das normalste der Welt, wenn Deutschland gerade diesen ermöglicht, damit sie die deutsche Sprache und Kulturgut aus der alten Heimat am leben erhalten. Dafür wird meines wissens auch eine Menge Geld ausgegeben. Wieso sollte sich ein anderer Staat anders verhalten?

    zu 2) Das streitet sicherlich auch niemand ab. Die Frage ist, wie weit muss diese gehen?

    zu 3) Die Aussage ist stark klischeebehaftet und pauschalisierend. Ich habe gerade das entgegengesetzte Gefühlt, und jetzt?

  5. zu 1) nochmal gefragt, was ist das Ziel von Erdogan? Auch die deutsche Kultur wird in anderen Ländern vertreten, wie du richtig bemerkst, nur wird da vor Russen, Amerikanern und weiß Gott wem sonst, aber nicht(!) vor Deutschen darauf hingewiesen, dass ein kultureller deutscher Hintergrund vorhanden ist und gepflegt werden kann und soll. Aber diese Leute sind nichtdeutsche Staatsbürger und identifizieren sich meist sehr stark mit ihrem Land, nicht mit Deutschland, allenfalls mit einer Art deutschen Kultur. Erdogan spricht in Deutschland für Türken zu Türken, und hinterher sind die Leute stolz auf ihr Land, womit die Türkei und nicht etwa Deutschland gemeint ist. Deshalb noch mal die Frage: wo soll der Zug hingehen? Wollen die Leute hier eine neue Heimat aufbauen – oder ist Deutschland nur soziales Parkgebiet, um soziale Kosten in der Türkei zu vermeiden? Wenn Variante 2 hier so rüberkommt – und zwar, wenn man sich verschiedene Interviews nach der Rede anhört, nicht nur bei Deutschen! – und Erdogan dem nicht gegensteuert, muss man wohl meinen, dass das tatsächlich so gemeint ist (im Übrigen: Erdogan – und nicht die deutsche Regierung – erklärt, er sendet Ermittler nach Ludwigshafen. Was wäre wohl in der Türkei losgewesen, wenn sich eine deutsche Regierung einen derartigen Eingriff in die Staatssouveränität der Türkei erlaubt hätte?).

    zu 2) und 3): Was ist dir zu klischeebehaftet? Wo hast du das entgegengesetzte Gefühl? Um es mal an drastischen Beispielen, die mir mehrfach (!) untergekommen sind, aufzuzeigen, wo bei mir die Grenze überschritten ist: Wenn Mädchen, die hier in die Schule gehen und an verbindlichen Unterrichtseinheiten teilnehmen möchten und dies auch tun, weil sie eben auch mit ihren deutschen Mitschülerinnen Kontakt haben möchten, zu Hause deswegen fürchterlich verprügelt, in einem Fall sogar auf eine heiße Herdplatte gesetzt werden, oder im Alter von 13-14 Jahren nach den Ferien verschwunden sind, weil sie in der Türkei oder sonstwo zwangsverheiratet wurden, dann verstösst das gegen unsere Vorstellungen von Menschen- und Gesellschaftsrechten. Ich glaube nicht, dass es sich um einen nicht akzeptierbaren Kulturverlust handelt, wenn dieses aufgegeben wird, um in unserer Gesellschaft seinen Platz zu finden. Wer das nicht will, soll gefälligst verschwinden.

    Wir können das gerne an weiteren Beispielen fortsetzen; du kannst auch im Gegenzug mal entsprechende eigene Vorstellungen äußern.

    btw, da hier „Islam“ im Blogheader steht: Solches hier nicht gesellschaftsfähiges Verhalten wird oft mit dem islamischen Glauben begründet. Zwei Blogs weiter gibt es dann einen Islamvertreter, der bekannt gibt, dass das nicht so ist. Seid ihr euch eigentlich einig, was nun zur Religion gehört und was nicht, oder kann das jeder selbst festlegen?

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