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„Integration“ ist mittlerweile ein inflationär genutzter Begriff. Als ein im höchsten Maße unbestimmter Begriff wird er von Vertretern aller Couloir genutzt, ob sie nun eine multi-kulturelle oder leit-kulturelle Gesellschaftsvision haben. Inflationär ist auch die Zahl der organisatorischen Akteure in diesem Feld. In vielen Aufgabenbeschreibungen kommt der Begriff Integration vor, ohne jedoch wirklich mit Leben ausgefüllt zu werden. Es gibt jedoch auch gesellschaftliche Akteure, die seit Jahrzehnten Integrationsarbeit leisten, ohne dass sie von der breiten Öffentlichkeit beachtet werden. Es sind die Moscheegemeinden und anderen muslimischen Institutionen die zur Partizipation ihrer Mitglieder und Besucher schon zu Zeiten einen großen Beitrag geleistet haben, zu denen Deutschland noch weit von einem Integrationsdiskurs entfernt war.

Bei ihrer Integrationsarbeit lassen sich die islamischen Gemeinden von dem Grundgedanken leiten, dass die Stärkung von islamischer Identität und der Aufbau eines islamischen Selbstbewusstseins sich positiv auf die Partizipation in die Gesellschaft auswirken. Dabei muss zuallererst der Umstand angeführt werden, dass es gerade diese Religionsgemeinschaften und ihre Institutionen sind, die die Einbindung von Muslimen in zivilgesellschaftliche Gruppierungen gewährleisten und so lange Zeit überhaupt die Erreichbarkeit dieser Menschen ermöglicht haben.

Das Vorhandensein der religiösen Infrastruktur hat eine große integrative Wirkung. Die Möglichkeit, seinen religiösen Bedürfnissen auch hier in Deutschland nachgehen zu können, trug besonders in der Vergangenheit dazu bei, Fremdheitsgefühlen entgegenzuwirken. Deutschland und Europa wurden damit immer mehr zu Orten, an denen nicht nur gearbeitet, sondern auch gelebt wurde. Es bedurfte immer weniger des Rückgriffs auf die alte „Heimat“, um die Bedürfnisse hier, insbesondere die religiösen Bedürfnisse, zu befriedigen. Nur so konnte Deutschland mit der Zeit von den muslimischen Migranten auch als Heimat begriffen werden. Deshalb sollte zunächst festgestellt werden, dass islamische Religionsgemeinschaften einen immer wieder stark unterschätzten Einfluss darauf haben, dass Muslime Deutschland als Heimat begreifen. Sie bieten gerade traditionell orientierten Menschen die Vertrautheit und Geborgenheit, die zur Bildung eines Heimatgefühls notwendig sind.

Integration durch Bildung

Darüber hinaus bieten gerade die Mitgliedsgemeinden der IGMG seit Jahrzehnten vor Ort zahlreiche Integrationsangebote an. Seit über 10 Jahren werden in ihnen Hausaufgaben- und Nachhilfekurse durchgeführt. Diese Angebote richten sich speziell an Kinder mit Migrationshintergrund, da diese oftmals wegen der fehlenden oder nicht ausreichenden Schulbildung der Eltern schon mit einigem Rückstand in ihr Schulleben eintreten. Für die Kinder werden Sprachförderungen angeboten und ihnen wird bei ihren schulischen Aufgaben geholfen. Zweck dieser Kurse ist es, den Kindern eine Möglichkeit für einen guten Abschluss, den Besuch einer weiterführenden Schule und schließlich den Abschluss einer Ausbildung oder eines Studiums zu ermöglichen. Denn erst ein erfolgreicher Bildungsweg und gute Schul-, Ausbildungs- und Studienabschlüsse werden diesen Kindern eine Partizipation am gesellschaftlichen Leben in vollem Umfang ermöglichen. Leider kann man gerade in den letzten Jahren beobachten, dass sich trotz zahlreicher staatlicher Integrationsinitiativen die Situation an den Schulen in dieser Hinsicht kaum gebessert hat und außerschulische Nachhilfeeinrichtungen unter Migrantenkindern immer stärker an Bedeutung gewinnen.

Teilhabe am gesellschaftlichen Leben durch ehrenamtliches Engagement

Als besonders herausragend sind die integrativen Wirkungen der Jugendarbeit in den Gemeinden anzuführen. Seit ihrer Gründung unterhält jede IGMG Gemeinde eine Jugendabteilung, die sich um die besonderen Belange und Bedürfnisse der Jugendlichen kümmert. Diese Angebote werden von zahlreichen Jugendlichen unterschiedlicher Altersgruppen wahrgenommen.

In erster Linie geht es bei dieser Arbeit natürlich um die Vermittlung von religiösen Werten, wie Achtung der Schöpfung, Aufrichtigkeit, Nächstenliebe, Fürsorge für den Anderen, Respekt im Umgang mit den Mitmenschen, nachbarschaftliche Harmonie, Aufrichtigkeit und allgemein um die Umsetzung dieser Werte im eigenen Leben. Auf dieser Basis wird den Jugendlichen die Notwendigkeit eines gottgefälligen Lebens und damit einhergehend der Einsatz für die Gesellschaft und die Partizipation daran nahegelegt.

In vielen Gemeinden wird gerade dieser Aspekt auch durch Kooperation mit verschiedenen anderen NGOs, die sich auf Drogen- und Kriminalitätsprävention spezialisiert haben, aber auch über die Zusammenarbeit mit den entsprechenden Polizeiabteilungen verwirklicht. Dabei treten Sozialarbeiter und Polizeibeamte aus der Kriminalitäts- und Drogenpräventionsarbeit in den Gemeinden auf und klären die Jugendlichen über diese Themen auf. Darüberhinaus sind es gerade die jungen Mitglieder, die sich bei gesamtgesellschaftlichen Initiativen wie zum Beispiel dem Interreligiösen Dialog engagieren.

Die Jugendarbeit beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Aufklärung der Jugendlichen. Vielmehr schafft sie mit ihren Angeboten einen Rahmen, in dem sie ihre Freizeit neben anderen Aktivitäten wie zum Beispiel in Sportvereinen sinnvoll gestalten können. Dabei liegt das Hauptaugenmerk darauf, den Jugendlichen die Möglichkeit des ehrenamtlichen Einsatzes und der Fürsorge für Andere aufzuzeigen und ihnen dafür Betätigungsfelder zu schaffen. Viele Aktivitäten der Jugendabteilungen werden von Jugendlichen für Jugendliche organisiert, wobei sich die Jugendlichen je nach Interesse und Neigung unterschiedlich einbringen können.

Neben der Erfüllung der religiösen Bedürfnisse der Mitglieder steht auch ihre Partizipation an der Gesellschaft im Vordergrund der Gemeindearbeit. So suchen IGMG-Gemeinden seit Jahrzehnten den interreligiösen Dialog und nehmen auch an zivilgesellschaftlichen Aktivitäten in ihrem Stadtteil oder ihrer Kommune teil. Insbesondere Informationsveranstaltungen in Schullaufbahnfragen werden nun seit über einem Jahrzehnt rege angefragt und von den Gemeinden abgehalten. Damit haben die Gemeinden in der Vergangenheit selbst Vertretern der ersten Generation, zu einer Zeit, in der Begriffe wie „Integration“ oder „Zuwanderung“ nur im engsten Wissenschaftlerkreis relevant waren, einen stärkeren Zugang zur Mehrheitsgesellschaft ermöglicht.

Mit der Zeit haben die Gemeinden diese Angebote in Form von Sprachkursen insbesondere für türkischstämmige Frauen und mittlerweile sogar Integrationskursen, oft in Kooperation mit anderen freien Trägern oder der Volkshochschule, erweitert. Im Zentrum dieser Arbeit stand lange Zeit und steht auch heute die Sensibilisierung von Eltern für die schulischen Bedürfnisse ihrer Kinder und die Anregung zur Mitarbeit an schulischen Gremien und der Teilnahme an Elternabenden und schulischen Veranstaltungen. Dabei ist der prophetische Ausspruch „das Erlangen von Wissen ist eine Pflicht für jeden Muslim“ eines der Hauptleitmotive.

„Der beste der Menschen ist der, der den Menschen am nützlichsten ist“

Weiterhin gibt es in IGMG-Gemeinden sehr aktive Frauengruppen. Ziel dieser Frauengruppen ist es, neben der Vermittlung von religiösen Werten auch das Engagement der Frauen in der Gemeinde zu stärken. Dabei wird besonders auf das Ermutigen junger Mädchen zur Wahrnehmung von Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten Wert gelegt, um ihnen durch das Aufzeigen von vielseitigen Möglichkeiten ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Leider machen jedoch in den letzten Jahren die Gemeinden die Erfahrung, dass diese gut ausgebildeten, teilweise studierten jungen Frauen aufgrund des Praktizierens ihres Glaubens kaum eine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben – besonders nicht im behördlichen Bereich.

Getragen wurde und wird die Arbeit der Religionsgemeinschaft dabei besonders von den prophetischen Vorgaben „tretet in einen Wettbewerb im Guten und in der Gottesfurcht“ und „der beste der Menschen ist der, der den Menschen am nützlichsten ist“. Dabei legen die Gemeinden Wert darauf, ihre Mitglieder zur Teilnahme am gesamtgesellschaftlichen Leben anzuregen und wo es Defizite und Hürden gibt, diese mit ihnen abzubauen. Wünschenswert wäre hierbei eine größere Vernetzung der Gemeinden mit anderen gesellschaftlichen Akteuren. Viele Gemeinden mussten jedoch in den vergangenen Jahren die Erfahrung machen, dass sie als muslimischer Akteur nicht unbedingt erwünscht sind in diesem Diskurs. Entweder mussten sie sich grundsätzlich alles zurechnen lassen, was weltweit negativ mit dem Islam assoziiert worden ist, oder sie wurden per se als Integrationshindernis angesehen , weswegen sie zum Beispiel gerade für staatliche Stellen nicht als Kooperationspartner in Frage gekommen sind.

Auf muslimischer Seite ist jedoch die Bereitschaft zu einer größeren Vernetzung und dem Eingehen einer kooperativen Integrationsarbeit, bei der die muslimischen Gemeinden sowohl als wichtige Multiplikatoren als auch zuverlässige Akteure ihren Beitrag leisten können, groß. Diese Offenheit wird aber auch von der Mehrheitsgesellschaft erwartet. Um die Menschen in den muslimischen Gemeinden besser und viel nachhaltiger erreichen zu können, müssen die Brücken, die durch die Gemeinden gebaut werden, viel besser genutzt werden. Nur so kann es auch wirklich ernsthafte Bemühungen mit der Hoffnung auf substantielle Ergebnisse geben.

5 Gedanken zu „Integrationsarbeit in Moscheegemeinden

  1. Danke für diesen ausführlichen Bericht. Welche Arbeit diese Gemeinschaften wirklich erbringen, war mir so bisher noch nicht klar, aber die Idee ist sehr gut und auf jeden Fall unterstützungswürdig. Vor allem finde ich die Jugendarbeit interessant, auch dass Kindern bei Hausaufgaben geholfen wird, deren Eltern ihnen da wenig helfen können. Die Gemeinschaften haben deutlich mehr Unterstützung, vor allem auch aus deutschen Reihen verdient.

  2. Und man beachte bitte auch, seit wann das schon läuft. Integrationsdebatten haben in Deutschland erst nach dem 11. September und den PISA-Studien auftrieb bekommen. Davor? Hat es kaum einen interessiert. In meiner eigenen Gemeinde gab es diese Arbeiten schon 1994 und sogar vorher schon. Ab 1995/96 wurde insbesondere das Augenmerk auf die schulische Nachhilfe gelegt. In der Zeit sind auch sehr viele Eltern- und Nachhilfevereine aus der Gemeindeinitiative heraus gegründet worden, die diese Arbeit auch heute sehr engagiert weiterführen. Und das alles ohne einen Cent öffentliche Förderung.

  3. Hallo Abdulgani, da muss ich zum Teil widersprechen. Ich habe mich bereits in den 90er Jahren diverse Male verbal mit irgendwelchen Integrationsmodellen auseinander gesetzt, wenn das auch zugegebenermaßen vorzugsweise ab populärwissenschaftlichen Medien aufwärts betrieben wurde und nicht, wie heute, bereits ab Bildzeitung. Was damals vertreten wurde (und wogegen ich, in der Regel vergeblich, opponiert habe), waren bereits genau die Modelle und Wunschvorstellungen, die damals wie heute nicht greifen.

    Mit dem „Kümmern“ um die Jugend betretet ihr sinnvolles, aber auch gefährliches Terrain. Was du beschreibst, ist im Grunde das Gleiche, was andernorts beispielsweise die NPD und andere Parteien aus der politischen Ecke im Osten für deutsche Problemkinder betreiben. Die offizielle Politik schreit darüber Zeter und Mordio, weil die Jugendlichen ideologisiert werden, ohne es allerdings nötig zu haben, durch eigene Kümmer-Bemühungen ein Gegengewicht zu schaffen oder den Rechten das Wasser abzugraben. Schimpfen ja, was tun nein, so könnte man das beschreiben. Die gleiche Argumentation trifft euch natürlich auch in Bezug auf religiöse Erziehung.

    Wobei Letzteres in der Tat ein Knackpunkt ist, weil die religiösen Ansichten beim muslimischen Teil der Bevölkerung ja nun gefühlt nicht gerade sehr toleranzgeschwängert sind. Ich kenne mich da nun im Islam nicht so detailliert aus, aber vom Christentum mal übertragen: wäre es nicht sinnvoll, für ein ungestörteres Zusammenleben jetzt mal ein paar Straftage in der Hölle zu riskieren und nicht alles so bierernst zu nehmen, sondern auch mal eins mit einem Altgermanen zu trinken? Vielleicht gefällt’s euch hinterher gar nicht so schlecht bei uns in der Unterwelt 😉

  4. @Gilbert: „wäre es nicht sinnvoll, für ein ungestörteres Zusammenleben jetzt mal ein paar Straftage in der Hölle zu riskieren und nicht alles so bierernst zu nehmen, sondern auch mal eins mit einem Altgermanen zu trinken?“

    Hmm, gemeinsam einen Trinken gehen können wir ja auch so. Ich versteh es aber nicht, warum es dich stören muss, dass ich dazu nicht zu Alkoholika greife. Was Du dabei trinkst, ist mir relativ egal, solange Du noch nicht zu betrunken für ein ordentliches Gespräch bist.

    Nicht ernst nehmen, hmm. Ich dachte, ich hätte bei Dir öfter mal eine heftige Relativismuskritik gehört, oder irre ich mich darin? Ernst nehmen ist wichtig, besonders wenn es um die eigenen Prinzipien geht. Und meinen Geist will ich mir nicht benebeln, kann insoweit dem „Alkoholisierungszwang“ des Gesellschaftlichen nichts abgewinnen.

    Was das „Kümmern“ angeht: Der Vergleich mit der NPD ist wohl mehr als unangebracht. All das in dem Beitrag Geschilderte ist für die Gemeinden eine unglaubliche personelle und finanzielle Belastung. Sie ist nicht aus der Idee heraus entstanden, damit Mitglieder oder „ideologische Kämpfer“ zu rekrutieren. Mitglieder hatten und haben die Gemeinden mehr als ihnen wohl lieb ist, da bedarf es oftmals keiner Werbung, da in den Moscheegemeinden die grundlägensten religiösen Bedürfnisse befriedigt werden. Diese Aufgaben wurden auch nicht angegangen, weil man sich damit irgendjemandem anbiedern wollte. Es war schlicht und einfach die eigene Not der Eltern, die sich mit der schulischen Laufbahn ihrer Kinder schlicht überfordert gefühlt haben und die bereits bestehenden Moscheegemeinden dahingehend unter Druck gesetzt haben, neben den religiösen auch die schulischen und gesellschaftlichen Bedürfnisse ihrer Kinder wahrzunehmen. Denn von schulischer und im allgemeinem staatlicher Seite kam nichts, eine Erwartung, dass etwas kommen könnte, gab es auch nicht.

  5. Das Bier musst du nicht ernst nehmen, es war eher als Wortspiel gemeint (wenn ich auch den einen oder anderen Muslim kenne, der zugegeben hat, es mal probiert und für lecker befunden zu haben 🙂 ). Ernstere Themen wären beispielsweise Frauen und Mädchen (warum ist es kein Problem für einen türkischen Jugendlichen, eine deutsche Freundin zu haben, während der umgekehrte Fall -deutscher Junge und türkisches Mädchen- offenbar tabu ist?) oder Reaktion auf Kritik oder andere Meinungen (warum darf man Nichtmuslime ungestraft beleidigen, während sich andere Glaubensrichtungen ziemlich schnell massive Bedrohungen für harmlose Bemerkungen einfangen?). Gut, das sind vielleicht nicht reine Islamthemen, aber die Religion spielt da doch eine wesentlich Rolle, und da kann man schon fragen, ob und welcher Einfluss in den Moscheen darauf genommen wird.

    Der Verweis auf NPD-Aktivitäten sollte kein Vergleich sein, sondern nur auf die Ähnlichkeit der Situation hinweisen. Leider herrscht ja in Bezug auf national gesinnte Parteien eine ähnliche Unsachlichkeit wie in bezug auf den Islam. Wenn man sich deren Programme anschauen würde (was natürlich nicht passiert), würde man vermutlich bei 7-8 von 10 Punkte überraschende Gemeinsamkeiten feststellen (wie das bei den zunächst genauso verpönten Linken inzwischen auch der Fall ist). Und auch die wollen mit ihrer Schülerbetreuung offenbar zunächst mal dafür sorgen, dass die Leistungen besser werden, was offenbar auch dort der Fall ist. Und wie man dort sehr schnell bei der Hand ist, ausschließliche Propaganda zu unterstellen (in welcher Weise da tatsächlich ideologisiert wird, kann dabei erst mal außen vor bleiben), so ist man ja auch bei euren Bemühungen schnell dabei, unlautere Motive zu unterstellen. Wie gesagt, kein Vergleich der Intentionen, nur das Aufzeigen einer ähnlichen Situation, was die Reaktion von Außen angeht. Wenn man (der Staat) schon nichts macht, kann man zumindest versuchen, das hinter Meckerei zu verstecken.

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