Kalisch und Lüdemann – Wer lehren will muss glauben

Mohammed-Leugner fürchtet um sein Leben„, „Kalisch passt dem Rat der Muslime nicht„, „Muslime beenden Zusammenarbeit mit Kalisch“ und „Wer droht bekommt recht„; das waren nur einige der Titel, die im letzten Jahr Ende September im Fall Kalisch die Beiträge schmückten. Wer nun nach dem BVerfG-Urteil zu Lüdemann gehofft hat, in den Genuss eines Deja-vus zu kommen, wurde wohl enttäuscht. Die Medien glänzten diesmal in der Regel mit an Sachlichkeit kaum zu überbietenden Titeln:

Nun, wo liegt in beiden Fällen der Unterschied, der solch ein unübersehbar divergierende Berichterstattung rechtfertigen würde? In beiden Fällen handelt es sich um „Theologie“-Professoren, wobei Muhammed Kalischs Berufungsverfahren wohl kaum dem Verfahren bei einem christlichen Theologieprofessor gerecht werden dürfte. In beiden Fällen gingen die entsprechenden Religionsgemeinschaften davon aus, dass der Professor nicht mehr unbedingt die Glaubensinhalte der eigenen Religionsgemeinschaft vertreten und verbreiten könnte.

Foto: flickr.com/photos/cogdog

Dennoch ist der Unterschied in der Wahrnehmung kaum zu übersehen. Während es sich bei dem Lüdemann-Fall um eine, wenn auch nicht einfache Anwendung der geltenden Staatskirchenrechts handelt, ist es in der Causa Kalisch ein Kulturkampf. Während man sich im einen Fall darüber streiten kann, wie das Vorgehen gegen Lüdemann zu werten ist, steht es im anderen fest: Schuld kann nur die „Borniertheit“ der muslimischen Religionsgemeinschaft sein.

Dabei hätte es auch so genug bei diesen zu kritisieren gegeben. Zum Beispiel hätte die Frage gestellt werden müssen, warum die muslimischen Religionsgemeinschaftn sich überhaupt auf ein Abenteuer eingelassen haben, bei dem von Anfang an klar war, dass sie nur alibihalber in einem Beirat zusammengesetzt wurden? Insoweit erscheint die jetzige Reaktion des Wissenschaftsministers Pinkwart  von mehr Weitsicht geprägt, als ihn die muslimischen Religionsgemeinschaften bei der Berufung Kalischs und auf dem Weg dorthin an den Tag legen konnten.

Berechtigt wäre auch die Frage, nach der Arbeit im Beirat, danach, inwieweit man denn diese Möglichkeit der Mitwirkung überhaupt ordentlich wahrgenommen hat. Bei aller Kritik an der Zusammensetzung und der Entstehung des Beirates, an den zweifellos eingeschränkten Mitwirkungsrechten , hätte man nicht schon durch eine aktivere Teilnahme vielleicht manch einen Konflikt im Vorfeld entschärfen, gemeinsame Spielregeln einführen können?

Und schlussendlich, hätte man nicht viel offensiver und öffentlicher die Debatte mit Muhammed Kalisch führen müssen, statt nur intern und mit ihm hinter verschlossenen Türen? An der Reaktion der Presse hätte sich wohl nicht viel geändert, aber zumindest hätte man damit angefangen, eigene Kommunikationspfade zu legen. Diese Chance wurde in diesem Fall verpasst. Stellt sich die Frage, ob man bei manch anderen Lehrstühlen, die sich als muslimisch-theologisch definieren, klüger verfahren wird.

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2 Replies to “Kalisch und Lüdemann – Wer lehren will muss glauben”

  1. Also was den Islamunterricht betrifft, sollten natürlich die islamischen Gemeinschaften mitreden. Aber bei der islamischen Theologie sollte es wissenschaftliche Freiheit geben. Ich will nicht, das irgendeine Gruppe oder Gemeinschaft da mitmischt. Das Verbandelung von theologischen Fakultäten mit den Kirchen finde ich gar nicht gut.

  2. Über die bestehende religionsverfassungsrechtliche Situation kann man sicherlich streiten. Aber die Gefahr, die ich viel eher im Bereich der islamischen Theologie sehe, ist die staatliche Vereinnahmung. Letzendlich kann es nicht sein, dass muslimische Theologen zum Haus- und Hoftheologen der jeweils herrschenden Integrationspolitik werden.

    Ich bin ebenfalls der Ansicht, dass der „Einfluss“ von muslimischen Religionsgemeinschaften auf die wissenschaftliche Arbeit eines Theologen, ja überhaupt grundsätzlich auf die religiös-individuelle Freiheit des einzelnen Muslims nur beschränkt sein kann. Faktisch bieten sie aber gerade hier dir Möglichkeit, eine religiöse Institutionalisierung von der Basis her aufzubauen.

    Ich bin ja der Meinung (ohne dies jetzt wissenschaftlich wasserdicht begründen zu können), dass das Fehlen einer kirchlichen Struktur (in seiner weitesten Form) nicht einzig und allein dem Umstand zu verdanken ist, dass der Islam kein Priestertum kennt (über die faktische Gültigkeit dieser Aussage lässt sich wohl streiten), sondern eher dem Umstand, dass ein Großteil der „Theologen“ sich eher an die staatliche Macht angelehnt, statt „frei“ zu forschen. Ich sollte das Wohl zum Thema meiner Promotion machen :).

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