Ein aktueller Post von mir auf Facebook sorgte dort für eine kurze aber gewichtige Nachfrage. Auf den Post

Es war falsch, die Hoffnungen weitgehend auf den Generationswechsel zu setzen. Mentalitäten sind nicht unbedingt Generationen-abhängig, sie neigen dazu, auch über Generationen hinweg weitergeben zu werden. Solange es keinen Bewusstseinswandel gibt, wird sich weder in der 3. noch in der 4. Generation etwas ändern.

fragte Dzemal Sibljakovic

Und wie kommt es zum Bewusstseinswechsel?

Diese Frage zu beantworten ist zwar nicht leicht, aber auch nicht unmöglich. Zuallererst gilt es zu identifizieren, wo wir als muslimische Community überhaupt stehen. Wir brauchen eine schonungslose Bestandsaufnahme: Was wurde wozu und mit welchen Mitteln erreicht? Wir könnten auch das Pronomen „von wem“ hinzunehmen. Die Probleme sind jedoch in erster Linie eher systembedingt. Das lässt die handelnden Personen zwar nicht unwichtig werden oder spricht ihnen die Verantwortung für ihr Tun ab. Es hat sich aber innerhalb der Verbände immer wieder gezeigt, dass es eine überraschend hohe Austauschbarkeit von Personen gibt. Selbst im Sinne dieses Beitrags positiv hervortretende Funktionsträger rufen oft nur temporäre Änderungen hervor, deren Revision nicht einmal einen Bruchteil der Zeit ihrer Etablierung in Anspruch nimmt.

Aktuell scheitern wir im innerverbandlichen Zusammenhang bereits an dieser Bestandsaufnahme. Die dafür notwendige Evaluation des Bestehenden und die selbstkritische Betrachtung des Geleisteten wird nicht als struktureller Diskurs, sondern als Infragestellung der jeweiligen Autorität oder sogar als Delegitimierung der Institution wahrgenommen. Die Folge sind in der Regel ad-hominem Angriffe gegen die „Kritiker“ in ihrer Abwesenheit und die nach außen gezeigt Nichtbeachtung der Kritik.

In die Bestandsaufnahme gehören sehr vielfältige Aspekte: die Entstehungsgeschichte der Verbände, ihre Entwicklung, der Erwartungswandel von muslimischer und nicht-muslimischer Öffentlichkeit gegenüber den Gemeinschaften, der Wandel der Generationen und der gesellschaftliche Wandel, ebenso der Blick für die Rolle von Religion und religiösen Gemeinschaften in der Öffentlichkeit. Dabei darf es keine Tabus geben. Was hier wissentlich ausgelassen wird, wird uns früher oder später krachend vor die Füße fallen.

Spätestens nach dieser Bestandsaufnahme – zu erwarten ist eher eine versetzte Gleichzeitigkeit – führt der Weg zur Grundsatzdebatte. Meine Erfahrung aus über 20-jähriger muslimischer Verbandsarbeit hat mir gezeigt, wenn es etwas furchteinflößenderes als eine Bestandsaufnahme gibt, dann ist das die Grundsatzdebatte. Natürlich hilft es keiner Institution, wenn sie sich völlig in grundsätzlichen Debatten verliert. Bisher wird diese Form des Diskurses innerhalb der Community aber immer nur von wenigen geführt, die dann relativ schnell ihr weiteres “Dasein” außerhalb der etablierten Verbände suchen müssen. Diese Externalisierung notwendiger Grundsatzdebatten führte bisher oftmals zur Geburt neuer Initiativen und Vereine. Solche Reaktionsmuster bestehen auch heute noch fort und führen zum personellen Ausbluten der Gemeinschaften. Nicht selten sind es die kreativsten Köpfe, die sich einen eigenen Pfad außerhalb ihrer Institution bahnen müssen.

Mittlerweile hat sich eine Rahmenbedingung gravierend geändert. Während bis vor einigen Jahren der soziale Ausschluss von Kritikern den Verbänden die Möglichkeit gab, ihre Kritik zu externalisieren und somit im Innern zu neutralisieren, sorgen nun die erweiterten Zugangsmöglichkeiten der sozialen Medien dafür, dass diese Kritik noch viel intensiver von “außen” an die Verbände herangetragen werden kann. Trotz der zur Schau getragenen Gelassenheit sorgen diese Kritiken für immer mehr interne Anfragen und Infragestellungen.

In diese Grundsatzdebatte gehören neben den bereits in der Bestandsaufnahme aufgegriffenen weitere Aspekte wie die Multiethnizität der Community, die Frage nach dem Zugang zur Mehrheitsgesellschaft, zur Verortung und zur Beheimatung. Auch die Strukturfrage muss dabei aufgeworfen werden, nicht nur mit Blick auf die zentrale und regionale Ebene. Auf der lokalen Ebene fehlt es noch immer an ganzheitlichen Antworten auf die Frage, was wir uns als Rolle und Funktion für eine Moschee im hier und jetzt mit Blick auf die Zukunft verstehen. Bisher beschränken wir uns dabei entweder auf die deskriptive Darstellung des Bestehenden oder die romantisierende Nachahmung des Vergangenen.

Eine Fokussierung auf Kirche und Christentum stellt dabei ebenfalls eine falsche Abzweigung dar. Die Entwicklung von etablierten Religionsgemeinschaften in Deutschland und Europa gehört in die Analyse, jedoch nicht als Nachahmungsschablone. Vielmehr stellt sie reichhaltige Erfahrungstradition an, die aus eigenen Geschichtlichkeiten und Bedürfnissen heraus entstanden sind. Als Muslime gilt es diese wahrzunehmen, genauso wie es eines eigenen Blickes für die vielfältigen Formen der religiösen Institutionalisierung in den Ländern mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit braucht. In beiden Fällen gilt: Eine Eins-zu-eins-Übernahme ist weder möglich noch sinnvoll. Vielmehr gilt es zu hinterfragen, welche Bedarfe es gab, wie darauf reagiert wurde, wie viel davon aus einer entsprechenden Theologie abgeleitet wurden und wie viel davon aus der sachlichen Notwendigkeit heraus entstanden sind. Die Erarbeitung von Antworten auf die Fragen, was Muslime in der Institution der lokalen Moschee und darüber hinaus im Hier und Jetzt brauchen und was wir in die nächste Generation weitergeben wollen, steht dabei im Zentrum.

Der Blick in die Strukturen beinhaltet ebenfalls die Frage nach der Effektivität. Auch in der Zukunft möge es keinem genommen werden, noch eine weitere Kleinstmoschee zu eröffnen. Aber braucht es für jede Form der religiösen Vereinigung eines angeschlossenen Betraums, um damit den Anspruch, „Moschee“ zu sein, zu zementieren? Muss jeder Verband in jedem Stadtteil eine “Moschee” betreiben, die zwar der Statistik eine Zahl liefert aber nicht den Gläubigen die notwendigen religiösen Dienstleistungen? Diese Erwägungen dürfen zwar nicht von oben herab verordnet werden. Es braucht jedoch einer Bemühung darum, Einsicht an der Basis zu schaffen und dafür entsprechend zu werben.

Dem geneigten Leser wird klar sein, dass mit den zwei hier genannten Punkte das Ende noch lange nicht erreicht ist. Es handelt sich bei all dem um eine sisyphos-artige Herausforderung. Vieles von dem hier gesagten geschieht bereits auf verschiedenen Ebenen und an unterschiedlichen Orten, unabhängig davon, ob die großen Verbände dies unterstützen oder nicht. Letztendlich gilt, wer stehen bleibt, kommt nicht voran.

Es geht mittlerweile nicht mehr darum, wie und wo wir anfangen. Diesen Schritt haben bereits dermaßen viele gewagt, dass der Diskurs nicht mehr folgenlos wird abebben können. Aus dieser Herausforderung heraus sind neue Institutionen entstanden, immer mehr insbesondere junge Menschen schaffen sich oder suchen zumindest nach einem eigenen Diskursraum. Viel eher stellt sich die Frage, wie diese dezentralen Diskurse zueinander geführt werden können, damit sie sich gegenseitig befruchten. Und auch darüber zerbrechen sich nicht wenige bereits den Kopf. Es geht voran.

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