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Religionsgemeinschaft

Die Spitze des Eisbergs – Zum Rücktritt von Dr. Akay-Türker aus dem Obersten Rat der IGGÖ

In der österreichischen Vertretung der Muslime, der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ,) gab es diese Woche eine personelle Entwicklung, die es über die Organisationsgrenze hinweg in die Öffentlichkeit geschafft hat. Die einzige Frau im Obersten Rat der IGGÖ, Dr. Fatma Akay-Türker ist zurückgetreten.

Öffentlich gemacht hat sie diesen Schritt auf ihrem Facebook-Profil, eine Stellungnahme dazu gibt es von der IGGÖ bisher nicht. Medial wurde dieser Schritt bisher von den beiden österreichischen Blättern Volksblatt und Kronen Zeitung aufgegriffen.

Ich verfolge Entwicklungen in der muslimischen Community in Österreich zwar nicht mit der Intensität wie hier in Deutschland, aber dennoch mit einem wachen Interesse. Ich teile diese Entwicklungen mit einer entsprechend interessierten Leserschaft auf meinen unterschiedlichen Plattformen, öfter auf Facebook und Twitter, seltener auch direkt mit einem eigenen Beitrag wie jetzt auf einem meiner Webseiten.

Seit ich heute morgen die Beiträge über den Rücktritt von  Dr. Fatma Akay-Türker auf Facebook geteilt habe, habe ich mehrere Hinweise/Anfragen von Freunden aus Österreich erhalten, wie ich einen Beitrag aus dem Volksblatt oder der Krone teilen könne. Hintergrund ist die Einstufung dieser Blätter als weitgehend “islamfeindlich” und des Volksblattes als Propaganda-Blatt der ÖVP. An der Aufrichtigkeit der Hinweisgeber habe ich keine Zweifel, dennoch finde ich diese Haltung problematisch, was ich auch vor diesem Beitrag hier mit ihnen kommuniziert habe.

Die aufgeworfene Problematik dürfte aber weiter gehen, als nur eine bloße Meinungsverschiedenheit zwischen mir und einigen Freunden zu sein. Mich persönlich haben diese Hinweise irritiert, da sie sich erst einmal an der Sekundärquelle Volksblatt und Krone störten – was nicht heißt, dass sie kein Problem mit dem Vorgang an sich hätten. Nur, welche andere Quelle bietet sich aktuell an, wenn sich die Öffentlichkeit, auch die muslimische Öffentlichkeit über den Vorgang informieren will? Liegt nicht gerade in diesem öffentlichen Schweigen, in der gelebten Version des türkischen Sprichworts “kol kırılır ama yen içinde kalır” (dt: “Der Arm bricht, bleibt aber im Gewand verborgen.”) eines der gewichtigen Probleme der Community?

Objektiv betrachtet stehen wir hier einem Vorgang gegenüber, der die aktive Rolle von Frauen in einem der wichtigsten und relevantesten Vertretungsorganen von Muslimen in Österreich in Frage stellt. Von der IGGÖ hört man zu dem Thema jedoch nichts. Vielmehr befeuert diese mit dem weiteren Vorgehen, der wahrscheinlichen Neubesetzung der Funktion von Frau Dr. Akay-Türker mit einem Mann, noch weiter den Eindruck, der bereits mit dem Rücktritt schon gestärkt wurde: dass muslimische Institutionen ein Problem damit haben, Frauen in Führungspositionen zu akzeptieren.

Die von Volksblatt und Krone vorgebrachten Vorwürfe – wobei diese ja auch nur Frau Akay-Türker zitieren – sind objektiv erst einmal nicht falsch, die Einordnung der Blätter des Vorgangs eher weniger relevant. Subjektiv mögen andere Aspekte vorliegen, aber diese werden von der IGGÖ nicht kommuniziert. Mit ihrem Schweigen zum Vorgang und einer männlichen Nachwahl ist es dann aber gerade die IGGÖ, die islamfeindlichen Akteuren Material liefert und nicht der Rücktritt von Frau Dr. Akay-Türker.  Um es mal dramatischer zu formulieren: Das Peinliche für die muslimische Community ist nicht, dass dieser Vorfall in Krone und Volksblatt erscheinen. Das Peinliche ist, dass Verantwortliche durch ihr Tun oder Nichts-Tun dafür gesorgt haben, dass in Krone und Volksblatt so ein Beitrag erscheinen konnte.

Weiterhin ist es bedenklich, dass es offensichtlich keine Plattformen gibt, auf denen Muslime in Österreich solch öffentlich gewordenen, kritischen “innermuslimischen” Themen auch öffentlich diskutieren und debattieren können. Es gibt kein Forum, in dem diese unterschiedlichen Haltungen vorgebracht werden oder gar diskutiert werden. Und dafür liegt die Verantwortung bei uns als Community, nicht bei der Krone, nicht beim Volksblatt und auch nicht beim österreichischen Staat. Selbst auf Facebook wurde der Vorgang nur von einem meiner Kontakte/Freunde (Beitrag von Ruşen Timur Aksak) auf Facebook aufgegriffen. Ansonsten besteht seit Tagen weitgehendes Schweigen.

Bei mir hat der Vorgang die Erinnerung an eigene Erfahrungen in der mittlerweile doch etwas länger zurückliegenden Verbandsarbeit geweckt. Ich hatte in meinem Team eine Mitarbeiterin, sehr fähig und sehr kompetent. So war es eine Selbstverständlichkeit, dass sie mit voranschreitender Erfahrung eigene Kompetenzbereiche bekam und in diesen Bereichen auch die Vertretung des Verbandes übernahm. Dies störte jedoch einen stellvertretenden Vorsitzenden – der danach in die Politik ging – und den Vorsitzenden. Besonders der Vorsitzende war der Meinung, dass eine Vertretung des Verbandes durch sie “unpassend” (tr. “yakışık almıyor”) und die Übernahme von Vertretungsaufgaben außerhalb der Frauenabteilung durch eine Frau „nicht in Ordnung“ sei (tr. “Teşkilat’ı temsil etmesi uygun değil”). Meine Reaktion darauf war es, ihr noch mehr Vertretungsaufgaben zuzuweisen –  was wahrscheinlich für einen weiteren Strich auf meinem Kerbholz sorgte, der nicht lange danach zerbrochen wurde.

Der aktuelle Vorgang passt in diesen persönlichen Erfahrungsrahmen. Verglichen mit dem tatsächlich von Frauen in muslimischen Organisationen in der Rollenfrage Erlebtem, stellt diese Erfahrung nur die Spitze eines riesigen Eisbergs dar. Mit dem Rücktritt von Dr. Akay-Türker ragt diese Spitze nun noch etwas mehr aus dem Wasser heraus. In unserer Verantwortung als aktive Diskursteilnehmer und „Angehörige“ der muslimischen Community liegt es nun nicht, diese Spitze wieder in das Wasser zurück zu drücken. Wir haben die Verantwortung, diskursiv anzupacken und diesen Berg gefälligst weiter zu bergen.

Update (12:33 Uhr): Fast zeitgleich mit meinem Beitrag ist ein Interview im Standard mit Frau Dr. Akay-Türker erschienen, auf den ich gerne Hinweisen möchte.

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